Unterwegs in den „Günzburger-Gemeinden“ – Müllheim
Im Rahmen unseres Günzburger-Projekts führte uns die nächste Station nach Müllheim. Dort trafen wir die Dokumentarfilmerin Kerstin Pommerenke, die seit vielen Jahren zu den prägenden Persönlichkeiten der lokalen Erinnerungskultur gehört. Mit großem Engagement erforscht und vermittelt sie die Geschichte der jüdischen Gemeinde und setzt sich dafür ein, ihre Spuren im Stadtbild sichtbar zu halten.
Das heutige Erinnern in Müllheim wäre ohne das jahrzehntelange Engagement von Inge und Rolf Schuhbauer kaum denkbar, mit denen auch die Aktiven des Blauen Hauses gearbeitet haben. Mit ihren Forschungen, Veröffentlichungen und der Pflege der Kontakte zu Nachfahren jüdischer Familien haben sie die Erinnerungskultur der Stadt entscheidend geprägt.
Viele Besucherinnen und Besucher des Blauen Hauses kennen Kerstin Pommerenke bereits durch ihren eindrucksvollen Dokumentarfilm „Stiefmütterchen statt Vergissmeinnicht“, den wir in diesem Jahr im Kommunalen Kino Breisach zeigen konnten. Der Film erzählt die Geschichte der Müllheimer Synagoge und ihres Verschwindens und war auch in mehreren Kinos der Region zu sehen.
Gemeinsam besuchten wir zunächst den Platz der ehemaligen Synagoge. Anders als in Sulzburg blieb das Gebäude nach 1938 zunächst erhalten, wurde jedoch Ende der 1960er Jahre abgerissen, um einem Parkplatz Platz zu machen. Heute erinnert dort ein Gedenkstein an die ehemalige Synagoge. Seine Inschrift lautet: „Dem Gedenken ihrer jüdischen Mitbürger, deren Gotteshaus an dieser Stätte stand. Die Bürger der Stadt Müllheim.“ Auffällig ist jedoch, dass weder die Täter noch die Opfer der nationalsozialistischen Gewalt von 1938 ausdrücklich benannt werden. Der Gedenkstein spiegelt damit zugleich eine frühe Form der Erinnerungskultur wider, die sich deutlich von heutigen Formen des Gedenkens unterscheidet.
Kerstin Pommerenke zeigte uns außerdem das Zivihaus, das künftig zu einem Ort der Erinnerungskultur weiterentwickelt werden soll. Das Gebäude bietet großes Potenzial, die Geschichte der jüdischen Gemeinde Müllheims künftig noch sichtbarer zu machen und neue Formen der Vermittlung zu ermöglichen.
Zu unserem Rundgang gehörten auch der Stolperstein für Isaak Günzburger sowie der jüdische Friedhof am Stadtrand. Dort begegnet man nicht nur den Grabstätten der ehemaligen Gemeinde, sondern auch eindrucksvollen Überresten der zerstörten Synagoge. Säulen, Giebelteile und eine der beiden Kronen des ehemaligen Synagogenschmucks wurden hier aufgestellt und erinnern heute an das verlorene Bauwerk. Auf Gedenktafeln sind zudem die Namen der während der nationalsozialistischen Verfolgung ermordeten jüdischen Bürgerinnen und Bürger Müllheims verzeichnet.
Mit jedem Besuch wächst unser Bild der Günzburger-Gemeinden. Aus den Geschichten der einzelnen Orte entsteht Schritt für Schritt eine gemeinsame Erzählung über jüdisches Leben, seine Zerstörung und die vielfältigen Formen des Erinnerns am südlichen Oberrhein.