Unterwegs in den „Günzburger-Gemeinden“ – Eichstetten

Erinnerung als gemeinsame Aufgabe

Mit jeder Station unseres Günzburger-Projekts lernen wir eine weitere Facette des jüdischen Lebens am südlichen Oberrhein kennen. Nach unseren Besuchen in Lörrach, Sulzburg und Müllheim führte uns unser Weg nun nach Eichstetten am Kaiserstuhl.

 

Dort trafen wir vier Mitglieder des Arbeitskreises Jüdische Geschichte des Heimat- und Geschichtsvereins, die sich seit Jahrzehnten mit großem Engagement für die Erforschung und Vermittlung der jüdischen Geschichte ihres Ortes einsetzen: Werner Rinklin, Albert Schmidt, Elisabeth Bär und Helmut Schöpflin. In der historischen Zehntscheuer entstanden die Tonaufnahmen für unseren kleinen Film. Im Mittelpunkt unseres Gesprächs standen Fragen, die wir allen Projektpartnern stellen: Was macht Eure Gemeinde innerhalb der Günzburger-Gemeinden besonders? Welche Geschichte sollte in unserer gemeinsamen Ausstellung erzählt werden? Welche Objekte, Persönlichkeiten oder Orte stehen exemplarisch für Eichstetten? Und wie wird Erinnerung heute gelebt?

 

Schnell wurde deutlich, dass Eichstetten vor allem durch die Kontinuität seiner Erinnerungsarbeit geprägt ist. Seit den späten 1980er Jahren engagiert sich der Arbeitskreis dafür, die Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde zu erforschen, weiterzugeben und im öffentlichen Bewusstsein lebendig zu halten. Dabei geht es nicht allein um historische Forschung, sondern auch um die Frage, welche Verantwortung aus der Geschichte für unsere Gegenwart erwächst.

 

Anschließend führte uns der Rundgang durch den Ort. Dabei konnten wir erleben, wie selbstverständlich Erinnerungskultur in Eichstetten zum Alltag gehört. Elisabeth Bär vom Arbeitskreis reinigte einen der 41 Stolpersteine, die an die während der nationalsozialistischen Verfolgung ermordeten jüdischen Bürgerinnen und Bürger erinnern. Eine Nachbarin bemerkte die Arbeit, brachte kurzerhand ein wirksameres Reinigungsmittel vorbei und half ganz selbstverständlich mit. Eine kleine Szene, die viel über den Stellenwert der Erinnerung im Ort erzählt. Die Stolpersteine wurden zwischen 2003 und 2008 auf Initiative des Arbeitskreises und mit Unterstützung zahlreicher Spenderinnen und Spender verlegt.

 

Wenige Schritte weiter standen wir vor den letzten baulichen Überresten der Eichstetter Synagoge. Was auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche Natursteinmauer erscheint, ist tatsächlich ein Teil der ehemaligen Außenmauer des Gotteshauses. Die erhaltene Mauer, direkt an die befahrene Straße angrenzend, markiert noch heute dessen ursprüngliche Ausdehnung und macht sichtbar, wo sich über viele Generationen das religiöse Zentrum der jüdischen Gemeinde befand.

 

Der weitere Weg führte uns zum jüdischen Friedhof. Nur wenige Kilometer vom Friedhof in Ihringen entfernt, vermittelt er doch einen ganz anderen Eindruck. Während der Ihringer Friedhof mehrfach geschändet wurde, blieb der Eichstetter Friedhof von solchen Zerstörungen verschont. Seine ruhige Lage und sein guter Erhaltungszustand machen ihn zu einem eindrucksvollen Ort des Erinnerns. Das kunstvolle Eingangstor in Form einer Menora öffnet sich das nächste Mal wieder zu einer Führung am Europäischen Tag der Jüdischen Kultur am 6. September 2026.

 

Besonders beeindruckt hat uns, mit welcher Selbstverständlichkeit die Erinnerungsarbeit in Eichstetten von vielen Menschen getragen wird. Der Arbeitskreis arbeitet eng mit den Kirchengemeinden, der politischen Gemeinde, Schulen und zahlreichen Ehrenamtlichen zusammen. Ein Höhepunkt dieser Arbeit war 2012 das Wiedersehen mit drei Überlebenden der ehemaligen jüdischen Gemeinde und ihren Familien, die auf Einladung des Arbeitskreises aus den USA nach Eichstetten zurückkehrten – eine Begegnung, die den Ort bis heute prägt.

 

Für unsere Ausstellung nehmen wir aus Eichstetten – wie auch aus den anderen Gemeinden vor allem eines mit: Erinnerung entsteht nicht von selbst. Sie lebt von Menschen, die sich über viele Jahre hinweg engagieren, Wissen weitergeben und Verantwortung übernehmen. Gerade diese Kontinuität gilt es auch zukünftig zu bewahren und die nächste Generation für diese Aufgabe zu gewinnen.

 

Mit jedem Besuch wächst unser Bild der Günzburger-Gemeinden, aus den Geschichten und Quellen der einzelnen Orte und ihrer Akteurinnen und Akteure.

Bildunterschriften

Foto 1:
Die unscheinbare Natursteinmauer ist der letzte erhaltene bauliche Rest der ehemaligen Eichstetter Synagoge und markiert bis heute ihren ursprünglichen Standort.

Foto 2:
Elisabeth Bär vom Arbeitskreis Jüdische Geschichte reinigt einen der 41 Eichstetter Stolpersteine. Dass eine Nachbarin spontan ein besseres Reinigungsmittel vorbeibringt, zeigt, wie selbstverständlich Erinnerungsarbeit heute im Ort gelebt wird.

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