Unterwegs in den „Günzburger-Gemeinden“ – Ihringen

 „Jetzt hat es wirklich hier so Einzelkämpfer vor Ort“

 

Für unseren Besuch in Ihringen trafen wir uns mit Christian und Manfred Würges und Leander Hohwieler im Heimatmuseum. Schon zu Beginn wurde deutlich, dass es hier nicht nur um die Vergangenheit geht, sondern auch um die Frage, wie Erinnerung heute entsteht und weitergegeben wird.

 

Als wir gemeinsam überlegten, welches Objekt Ihringen in unserer gemeinsamen Ausstellung vertreten könnte, fiel die Entscheidung schnell auf die Haggada des Abraham Levi. Eines der vier Originale befindet sich heute in London, in Ihringen ist eine Digitalisat vorhanden. Dieses Buch erzählt von den Anfängen der jüdischen Gemeinde. Abraham Levi gehörte zu den ersten jüdischen Familien, die sich nach der Ansiedlung durch Josef Günzburger in Ihringen niederließen. Das digitale Faksimile soll deshalb zum Ausgangspunkt unseres Filmbeitrags werden.

 

Ebenso schnell führte das Gespräch zum jüdischen Friedhof. Dort erinnert der Grabstein von David Günzburger an einen Gelehrten, der 1793 nach der Zerstörung der Breisacher Gemeinde nach Ihringen kam. Hier setzte er seine Lehrtätigkeit fort und bildete junge Männer aus. Nach seinem Tod sorgte seine Frau dafür, dass seine Predigten und Auslegungen gedruckt wurden, erzählt uns Leander Hohwieler. Seine Biografie zeigt exemplarisch, wie eng die jüdischen Gemeinden am Oberrhein miteinander verbunden waren.

 

Besonders eindrucksvoll war jedoch das Gespräch über die heutige Erinnerungskultur. Manfred Würges berichtete von einem Filmprojekt, bei dem Schülerinnen und Schüler ältere Ihringer nach ihren Erinnerungen an die jüdischen Nachbarn befragten. Die Antworten zeichneten zunächst das Bild eines harmonischen Zusammenlebens. Als jedoch Überlebende und Nachfahren der Familie Judas dieselben Ereignisse schilderten, entstand ein völlig anderes Bild. „Sie haben was anderes erzählt“, fasste Manfred Würges den Gegensatz zusammen.

 

Anschließend erzählte er von Gustav Judas, dessen Kaufhaus zu den bekanntesten Geschäften Ihringens gehörte. Bereits 1933 wurde Judas auf offener Straße misshandelt und zur Aufgabe seines Geschäfts gezwungen. Sein Sohn belieferte die Kundschaft später von Freiburg aus mit dem Fahrrad; bezahlt wurde häufig mit Naturalien. Im Heimatmuseum hat sich sogar ein Stoffstück aus diesem Handel erhalten – ein unscheinbares Objekt, das eine eindrucksvolle Geschichte bewahrt. In der Ausstellungsvitrine des Blauen Hauses befindet sich ein Bügel mit der Aufschrift des Kaufhauses.

 

Das Gespräch machte zugleich deutlich, dass Erinnerung in Ihringen nicht immer selbstverständlich war und auch heute nicht immer ist. Die Einrichtung des Synagogenplatzes, die Erweiterung des Gedenksteins oder die jährlichen Gedenkveranstaltungen zum 9. November mussten teilweise gegen erhebliche Widerstände durchgesetzt werden. Heute gehören sie zum Ortsbild – doch dieser Wandel war das Ergebnis jahrzehntelangen Engagements.

 

Seit einigen Jahren wird im Heimatmuseum die Ortsgeschichte bewusst neu erzählt. Alte Sammlungen wurden überarbeitet, die jüdische Geschichte als selbstverständlicher Teil der Ortsgeschichte integriert. Gleichzeitig, so schilderte Christian Würges, müsse man manche Menschen noch immer „ein bisschen zum Jagen tragen“, wenn es darum gehe, sich den schwierigen Kapiteln der Vergangenheit zu stellen.

 

Im weiteren Gespräch richtete sich unser Blick auf die Gegenwart. Wer hält die Erinnerung an das jüdische Ihringen heute lebendig? Eine organisierte Initiative gibt es nicht. Vielmehr sind es engagierte Menschen wie die beiden Verantwortlichen des Heimatmuseums und Leander Hohwieler die forschen, Veranstaltungen vorbereiten und neue Themen anstoßen. Dabei wurde auch deutlich, dass Erinnerungsarbeit kein Selbstläufer ist. „Man muss die Leute irgendwie mitnehmen“, so Leander Hohwieler,– ein Satz, der viel über die Herausforderungen, aber auch über die Motivation der Beteiligten verrät.

 

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