Bericht – Günzburger-Netzwerktag am 24. September 2026 in Breisach und Mackenheim
Erinnerungsarbeit zwischen Forschung und Praxis
Wie lässt sich die vernetzte Geschichte jüdischer Gemeinden am Oberrhein gemeinsam erforschen und für die Gegenwart vermitteln? Am Donnerstag, 24. September 2026, kamen in Breisach und Mackenheim im Elsass über 40 Menschen aus Archiven, Museen und lokalen Erinnerungsinitiativen aus Südbaden zum Netzwerktag „Das Günzburger-Netzwerk – Erinnerungsarbeit zwischen Forschung und Praxis“ zusammen.

Ein Netzwerk über Grenzen hinweg
Vor etwa einem Jahr rief das Blaue Haus Breisach, die Gedenk- und Bildungsstätte für die Geschichte der Juden am Oberrhein, das Netzwerk ins Leben. Ziel ist es, die gemeinsame Entstehung und Entwicklung jüdischen Lebens am südlichen Oberrhein zu untersuchen und dabei die Rolle des Breisacher jüdischen Gemeindevorstehers Josef Günzburger (gest. 1727, begraben in Mackenheim) zu beleuchten.
Durch ein von Günzburger mit Markgraf Karl III. Wilhelm von Baden ausgehandeltes Abkommen konnten sich ab 1716/17 einige jüdische Familien in Eichstetten, Emmendingen, Efringen-Kirchen, Ihringen, Lörrach, Müllheim und Sulzburg niederlassen. Um 1870 kamen aus diesen Orten die Gründerfamilien der jüdischen Gemeinde Freiburg.
Auf dem Weg zur gemeinsamen Wanderausstellung
Der Netzwerktag war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer gemeinsamen Wanderausstellung über die sogenannten „Günzburger-Gemeinden“, die am 4. April 2027 im Breisacher Museum im Rheintor eröffnet werden soll. Anschließend wird die Ausstellung auch in den beteiligten Gemeinden Eichstetten, Emmendingen, Efringen-Kirchen, Ihringen, Lörrach, Müllheim und Sulzburg sowie in Freiburg und Mackenheim und an weiteren Orten in der Region zu sehen sein.
Dr. Katrin Hammerstein, Leiterin und Fachreferentin Gedenkstättenarbeit der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, eröffnete den Tag und unterstrich in ihrem Grußwort die Bedeutung von Netzwerken – damals wie heute.
Die geplante Ausstellung ist Teil von zwei wichtigen regionalen und grenzüberschreitenden Ausstellungsprojekten: der Ausstellungsreihe „zuhause unterwegs“ des Netzwerks Museen 2026/2027, an der Museen aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz beteiligt sind, sowie der Großen Landesausstellung „Jüdisches Leben: Mittendrin“ des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg in Kooperation mit zahlreichen Institutionen aus dem ganzen Land.

Das Team des Blauen Hauses stellte den kleinen Film „Unterwegs in den Günzburger-Gemeinden. Auf den Spuren jüdischen Lebens in Südbaden“ vor. Er entstand aus den Besuchen in den beteiligten Orten und den Begegnungen mit den Menschen, die sich dort heute für die Erforschung und Vermittlung der jeweiligen jüdischen Geschichte engagieren. Der Film wird bald auf dem YouTube-Kanal des Blauen Hauses zu sehen sein.
Friedhöfe als Orte der Forschung und Vermittlung
Dr. Anke Geißler-Grünberg, Leiterin des Projekts „Jüdische Friedhöfe in Brandenburg“ am Lehrstuhl für Deutsch-Jüdische Geschichte der Universität Potsdam, referierte über die Herausforderungen und Chancen der Arbeit mit jüdischen Friedhöfen als Erinnerungsorten – ein Thema, mit dem alle beteiligten Orte konfrontiert sind.
Aus ihrer langjährigen Arbeit auf brandenburgischen jüdischen Friedhöfen sowie mit Schul- und Studierendengruppen gab sie den Teilnehmenden wichtige Impulse für Dokumentation und Vermittlung. Daran knüpfte Roger Raphael Harmon mit Einblicken in die beeindruckende Dokumentation jüdischer Friedhöfe im Elsass, in der Schweiz und in Breisach an, insbesondere in die Erfassung der Grabsteine und die Übersetzung der hebräischen Inschriften.

Erfahrungen teilen – Verbindungen entdecken
Ein wichtiger Bestandteil des Netzwerktags waren die Kurzvorträge aus den beteiligten Orten. Sie gaben Einblick in bisherige Arbeiten, neue Entdeckungen und gemeinsame Herausforderungen. Im Austausch konnten die beteiligten Akteurinnen und Akteure voneinander lernen und Ideen für zukünftige Projekte entwickeln.
Françoise Elkouby, Vorsitzende des elsässischen Vereins Les Routes du Judaïsme Rhénan, erweiterte in ihrem Impulsvortrag den Blick nach Frankreich, indem sie Parallelen zwischen dem Wirken Josef Günzburgers und dem französischen Hoffaktor Cerf Berr (gest. 1793) aufzeigte.
Der ehemalige Bürgermeister von Mackenheim, Jean-Claude Spielmann, der sich gemeinsam mit dem Historiker Günter Boll und dem Blauen Haus bereits in den frühen 2000er Jahren für die Restaurierung des jüdischen Friedhofs eingesetzt hatte, unterstrich die Bedeutung des Günzburger-Netzwerks für das heutige Zusammenleben und den Aufbau einer humanistischen Gesellschaft.
Die aktuelle Relevanz des Projekts zeigte auch das von Jan Merk (Dreiländermuseum Lörrach) und Christiane Walesch-Schneller (Blaues Haus Breisach) moderierte Gespräch mit Nachfahren der Familie Günzburger. Hanneke Schmitz und François Blum kommen immer wieder an die Orte ihrer Vorfahren und engagieren sich für die Sichtbarkeit der langen jüdischen Geschichte am Oberrhein.

FOTO: Gruppenbild Gespräch mit Hanneke Schmitz und François Blum, moderiert von Christiane Walesch-Schneller und Jan Merk
Über den Rhein nach Mackenheim
Am Nachmittag führte der Netzwerktag über den Rhein nach Mackenheim ins Elsass. Dort erkundeten die Teilnehmenden den am Rheinwald gelegenen „Judengarten“, auf dem Josef Günzburger und viele seiner Verwandten begraben sind.
Roger Raphael Harmon übersetzte und kommentierte die ausführliche und sehr lobende Grabinschrift Josef Günzburgers. Sie verdeutlicht eindrucksvoll seine Bedeutung für viele Jüdinnen und Juden zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Dr. Anne-Christin Schöne vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart ergänzte wichtige konservatorische Aspekte zur Erhaltung der Grabsteine und des Friedhofs.


Geschichte bewahren – Verbindungen weiterführen
Der Netzwerktag endete in der ehemaligen Synagoge von Mackenheim, die heute als Jugend- und Kulturzentrum sowie als Bibliothek genutzt wird. Bei einem gemeinsamen Austausch ging es um die nächsten Schritte des Netzwerks und die Perspektiven für die Ausstellung 2027.
Jean-Claude Spielmann berichtete über die Renovierungsarbeiten und das damit verbundene Ausstellungsprojekt in der ehemaligen Synagoge. Im Treppenhaus sollen ehemalige jüdische liturgische Gegenstände aus Mackenheim gezeigt werden, die in den 1980er Jahren durch Günter Boll gerettet werden konnten. Spielmann betonte dabei die besondere Bedeutung der Rückkehr von Gegenständen an den Ort, zu dem sie einst gehörten.
Dieses Vorhaben korrespondiert auf besondere Weise mit einem weiteren Projekt innerhalb des Günzburger-Netzwerks: der geplanten Rückkehr einer rund 200 Jahre alten Torarolle in die neue Lörracher Synagoge.
Mit diesem Netzwerktag wurde ein Grundgedanke des Projekts sichtbar: Die Geschichte der jüdischen Gemeinden am Oberrhein lässt sich nicht innerhalb heutiger Gemeinde- und Staatsgrenzen erzählen. Zugleich profitieren Erinnerungsarbeit und Geschichtsvermittlung von Vernetzung und gemeinsamem Austausch.