9. „Kahlstub“ – der geheime Gebetssaal

Fast kann man die Mesusa beim Eintritt in den großen Raum übersehen, der sich zur Straße hin öffnet. Das kleine Pergament mit dem Glaubensbekenntnis in hebräischer Sprache, dem „Schma Israel“, befindet sich in einer zeitgenössischen gläsernen Kapsel, die bei der Einweihung des renovierten Blauen Hauses angebracht wurde. Betritt man den hellen Raum, lassen die Bilder an der Wand die einstige Nutzung des Raumes erahnen. Auf der linken Seite hängt ein großes Ölgemälde, das die Innensicht der Breisacher Synagoge nach einem historischen Foto um 1937 zeigt, gemalt von Phoebe Frank aus Kalifornien und geschenkt an das Blaue Haus.

Am 10. November 1938 wurde die Gemeinde ihres Gotteshauses, ihrer Synagoge, unweit des Gemeindehauses in der Judengasse gelegen, beraubt. Eine SS-Einheit mit Beteiligten aus Freiburg und Breisach hatten gewalttätig den Novemberpogrom begonnen. Kantor Michael Eisemann und alle Männer zwischen 16 und 60 wurden verhaftet, nach Freiburg geschafft und am Tag danach in das Konzentrationslager Dachau deportiert.
Dem Gemälde gegenüber dokumentieren zwei historische Fotos an der Ostwand die Fortsetzung des Synagogengottesdienstes in diesem Raum nach dem 10. November. Erkennbar ein provisorischer Toraschrein, ein Lesepult und Stühle für die Gemeinde, an der Wand die Tafel mit den Zehn Geboten.

Als die Väter in Dachau inhaftiert waren, hatten die religionsmündigen Söhne, darunter der jüngere Sohn des Kantors, Ralph Eisemann, und seine Freunde die Aufgabe der Väter übernommen, hier für die Abhaltung eines heimlichen Sabbatgottesdienstes zu sorgen.

 

Misrachim – Wo liegt Jerusalem?

Auf die Richtung „Osten“ verweisen drei Misrachim (Misrach, Einzahl) mit der Aufschrift  מזרח (hebräisch für Osten) an dieser Wand. Traditionell fand sich in jedem jüdischen Haushalt eine solche Orientierung für die Gebetsrichtung gen Tempel in Jerusalem. 

Ein Misrach stammt aus dem Nachlass von Toni Keller geb. Mock, der Tochter des Gastwirtspaares  des „Adler“, die nach dem Exil in den USA ihre letzten Lebensjahre im Jüdischen Altenheim in Lengnau (CH) verbrachte. Sie ist dort auf dem Friedhof begraben.

Ein weiterer Misrach wurde dem Förderverein im Oktober 2000 von Albert Bochner, dem Stiefsohn von Theodor Günzburger, übergeben. Beide haben die Schoa überlebt.

Der einzige MISRACH, der die Nazizeit in Breisach „überstanden“ hat, befindet sich in der kleinen Sammlung des Blauen Hauses. Er gehörte Selma Ziehler geb. Bergheimer, die mit ihrem katholischen Mann und ihren Kindern teils in Breisach, teils im Markgräfler Land versteckt, überlebte.

 

Familiengeschichten

Besucherinnen und Besucher können sich in diesem Raum  über die jüdischen Breisacher Familien(geschichten) informieren. Zu jedem Namen im Gang der Erinnerung findet sich hier ein Blatt, häufig auch ein Foto. Die Installation der Mappen mitten im Raum will der Bedeutung der Familien Gewicht verleihen und macht gleichzeitig ihren Verlust deutlich. Ein Angebot zum Blättern, Forschen, Nachfragen.

Link Jüdische Familien in Südwesten Deutschlands

Kahlstub_Der-geheime-Gebetssaal.pdf
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