10. „Herrenzimmer“

Im ehemaligen „Herrenzimmer“ der Familie Eisemann, welches das Archiv der Gemeinde und eine Bibliothek enthielt, bereitete sich der Kantor auf die Gottesdienste vor. Heute empfängt die Besucher hier ein gedeckter Tisch mit einem zarten Kaffeeservice und zwei Sabbatkerzenleuchtern, über dem Tisch eine Sabbatlampe. Die Objekte stammen aus dem Nachlass der jüdischen Breisacher Familien Geismar-Dreifuß, Kahn-Weil und Bergheimer. Ein Portraitbild an der Wand zeigt eine Ihringer Jüdin im Festtagsgewand, das Gemälde von Fritz Roth zeigt Breisach (von Westen gesehen); Raphael Levi nahm es 1939 mit in die Emigration nach Zürich und von dort brachte es sein Enkel Leopold Marx in die kleine Sammlung.

Ein Teller für die Challah („Berches“, das Schabbatbrot in der Form eines Mohnzopfes) und das Schneidemesser liegen bereit. Neben dem Geschirr liegt ein Büchlein, dessen Umschlag das Gruppenfoto der Goldenen Hochzeit von Alexander und Leonie Geismar geb. Eppstein (aus Eichstetten) im Jahr 1924 in Breisach ziert und damit etwas über die Herkunft der Tassen und Teller erzählt. Es handelt sich um das Hochzeitsgeschirr des Paares, das 1874 heiratete. Über das Schicksal ihrer Angehörigen, die auf dem Bild zu sehen sind, gibt der im Buch eingefügte Stammbaum Aufschluss. Acht der achtzehn hier gezeigten Familienmitglieder wurden Opfer der Judenverfolgung. Das Geschirr konnte von der Enkelin des Paares, Herta Dreifuss (geboren 1906 in Breisach, gestorben 1877 in Lengnau, CH), 1933 in die Schweiz mitgenommen werden. Herta hatte ihre Großeltern bis zu deren Tod gepflegt: Alexander Geismar verstarb 1929, seine Frau 1933. Beide sind auf dem Neuen Jüdischen Friedhof Isenbergstraße bestattet.
2011 hat Hertas Nichte Franziska Engeler aus Zürich den Nachlass ihrer Familie dem Blauen Haus übergeben.

Zwei großformatige Fotos an der Wand zeigen Natalie und Julius Bähr in ihrer Wohnung am Marktplatz (Werd), fotografiert von ihrem Sohn Heinz Bähr. Ein drittes Posterfoto von demselben Fotografen zeigt die Judengasse mit Blick auf das jüdische Gemeindehaus nach einem Sabbatgottesdienstes 1937, dem Jahr, in dem Heinz Bähr nach New York floh. Bährs fotografische Dokumentation (jüdischen) Breisacher Alltagslebens und seiner Festtage ist heute ein Teil der Sammlung des Jüdischen Museums Berlin und des Holocaust-Gedenkmuseum der Vereinigten Staaten (USHMM) in Washington, D.C. Die Größe des Fotos erklärt sich daraus, dass es aus dem Bauschild herausgeschnitten wurde, das während der Renovierungsphase am Gerüst hing.

Herrenzimmer.pdf
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