04.09.2022

Europäischer Tag der Jüdischen Kultur 2022

Der Europäische Tag der Jüdischen Kultur findet am 4. September 2022 gleichzeitig in rund dreißig Ländern statt.

 

Das Motto lautet in diesem Jahr: „Erneuerung“. Auch zahlreiche Orte in Baden-Württemberg und im Elsass haben ein vielfältiges Programm zusammengestellt. Der Tag will dazu beitragen, das europäische Judentum, seine Geschichte, seine Traditionen und Bräuche besser bekannt zu machen. Er erinnert an die Beiträge des Judentums zur Kultur unseres Kontinents in Vergangenheit und Gegenwart.

 

Die Koordination und Organisation der Programme erfolgte durch B’nai Brith René Hirschler, Strasbourg, in Zusammenarbeit mit der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten in Baden-Württemberg und der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg.

 

Programm

 

12 – 17 Uhr:
Das Blaue Haus und die Dauerausstellungen sind geöffnet

 

13 Uhr:

Führung durch die Ausstellungen
„Jüdisches Leben in Breisach 1931“ und „Nach der Shoah“ –
Familie Eisemann vor und nach der Shoah
Treffpunkt: Blaues Haus, Veranstaltungsraum EG

 

13 Uhr:

Führung auf dem Alten Jüdischen Friedhof,

Treffpunkt: Michael-Eisemann-Platz

 

15 Uhr:

Vernissage der Ausstellung

„Erinnerungen an Karl Wolfskehl“

Begrüßung – Christiane Walesch-Schneller
Einführung in die Ausstellung – Dr. Brigitte von Savigny
Gedichte von Karl Wolfskehl
gelesen von Josef Köllhofer und Heinzl Spagl

 

Zur Präsentation gehören unter anderem Fotografien des Familiensitzes in Kiechlinsbergen, literarische Werke von Karl Wolfskehl und audiovisuelle Passagen aus Briefen der Tochter Judith, verheiratete Köllhofer, an ihren Vater ins Exil.

 

Weitere Öffnungszeiten der Ausstellung:

Mi, 7. Sep 2022 14 – 17 Uhr | So, 11. Sep 2022 12 – 17 Uhr
Mi, 14. Sep 2022 14 – 17 Uhr | So, 18. Sep 2022 12 – 17 Uhr

 

Die Wolfskehls in Kiechlinsbergen.

Erinnerungen an Karl Wolfskehl

Der Dichter Karl Wolfskehl wurde 1869 in Darmstadt geboren und wuchs in großbürgerlichem, liberal-jüdischem Milieu auf. Er stammte aus einer der ältesten deutsch- jüdischen Familien.

 

Er studierte Altgermanistik und Religionswissenschaft in Gießen und Berlin. Nach seiner Heirat mit Hanna de Haan (1876 -1946) zog er nach München, wo er zum Kreis um Stefan George gehörte.

 

Ihn faszinierte die zeitgenössische Malerei von Franz Marc, Paul Klee, Kubin und Kandinsky. In Wolfskehls Schwabinger Haus und seit 1918/19 auf dem Landgut in Kiechlinsbergen (ehemalige Propstei des Klosters Tennenbach) trafen sich namhafte Vertreter der Kunst, Literatur und Philosophie.

 

Während Hanna Wolfskehl (1876 – 1946) und die jüngere Tochter Judith (1901 – 1983) mit ihrem Mann Bernhard Köllhofer den Obst-und Weinanbau betrieb, war Karl Wolfskehl in München für verschiedene Verlage als Essayist, Übersetzer und Herausgeber zu den Themen Sprache, Dichtung, Mythologie und Zeitkritik tätig. Heute ist dieses Werk nahezu vergessen.

 

Nachdem er von allen Engagements und dem von ihm gegründeten Rotary-Club ausgeschlossen wurde, verließ er 1933 Deutschland um sich in der Schweiz, in Italien und dann – fast erblindet – 1938 in Neuseeland niederzulassen. Zur Finanzierung seiner Flucht verkaufte er 1937 seine in Kiechlinsbergen untergebrachte über 8000 Bände fassende Bibliothek an den Verleger Salman Schocken. Eine Rückkehr zur Familie scheiterte. Wolfskehl lebte 10 Jahre im fernen Exil unter menschlicher und intellektueller Beraubung. Er verstarb am 30.6.1948 in Auckland.

 

Abgelegen im Talkessel, spielte das Landgut während des Krieges eine bedeutende Rolle als Herberge und Zufluchtsort. Der massive Gewölbekeller bot den Dorfbewohnern Schutz und Raum für Gottesdienste. Erst 1945 war ein internationaler Postverkehr ohne Zensur mit der Heimat wieder möglich. In Wolfskehls umfangreicher Exilkorrespondenz existieren ergreifende Briefe an Hanna und die Töchter Judith und Renate voller Erinnerungen an Kiechlinsbergen, Hoffnung aber auch Schmerz über alles Geschehene.

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